Es gibt Momente, die man nicht sofort mit dem Verstand greifen kann – und genau darin liegt ihre Kraft.
- Markus Meier
- 18. Apr.
- 2 Min. Lesezeit
Vor ein paar Tagen habe ich begonnen, das Buch „Das Land das ich dir zeige“ von Peter Lotar wieder zu lesen. Gleich die ersten Zeilen haben mich seither nicht mehr losgelassen:
»Mein Leben vollzieht sich im Wachen, im Schlafen, im Traum.
Manchmal weiss ich nicht, ob mein Wachen nicht ein Traum ist, zuweilen bin ich im Schlaf so wach wie nie. Dann träume ich.
In allen Sprachen ist der Tag männlich, die Nacht weiblich. Der Tag zeugt, die Nacht empfängt.
Der Traum ist ihre Schwangerschaft. Taten und Versäumnisse, Freuden und Leiden befruchten sie, und aus ihnen wächst das Neue, neues Tun, Erleben, Erleiden.
Die Mutter ahnt erst das Werden des Neuen in sich, wird seiner dann sicherer und gebiert es schliesslich unter Schmerzen.
So tragen wir im Traum aus Vergangenem das Kommende aus, bevor es endlich mühsam ans Licht tritt.«
Ich merke: Mein Verstand stößt hier an seine Grenzen. Ich kann diese Worte nicht logisch analysieren, aber ich spüre ihre unmittelbare Wahrheit. Sie faszinieren mich gerade deshalb, weil sie einen Kern berühren, der tiefer liegt als das reine Wissen.
Seit ich sie gelesen habe, begleiten sie mich. Nicht laut, nicht aufdringlich – eher wie ein leiser Prozess im Hintergrund. Vielleicht kennst du das: Du begegnest etwas, das dich berührt, ohne dass du es sofort erklären kannst. Und genau darin liegt seine Wirkung.
Ich habe dieses Bild gestern Morgen auf dem Weg zur Arbeit gemacht. Ein kurzer Moment – und doch war alles darin enthalten: Ruhe, Übergang, Bewegung. Früh am Morgen, zwischen Nacht und Tag. Alles war still. Und doch war da schon etwas, das sich verändert.
Vielleicht ist genau das dieser Raum, von dem Lotar spricht. Ein Raum zwischen Bewusstsein und Tiefe. Zwischen dem, was war, und dem, was sich erst noch zeigen wird.
Mit 54 spüre ich immer deutlicher, dass diese Momente nicht selbstverständlich sind. Dass das Leben endlich ist – und gerade deshalb kostbar. Vielleicht hat sich auch deshalb mein Blick verändert: Weg vom schnellen Verstehen, hin zum bewussten Erleben.
Ich bin noch in meiner Coachingausbildung. Die Kurstage liegen inzwischen weiter auseinander – und genau in diesen Zwischenräumen geschieht etwas Spannendes. Es ist nicht nur das Lernen in den Seminaren. Es ist das, was dazwischen passiert. Das, was nachwirkt. Das, was sich langsam formt – oft ohne dass ich es sofort benennen kann.
Vielleicht ist das genau dieser „Traum“, von dem Lotar schreibt: Ein innerer Prozess, in dem sich aus Vergangenem etwas Neues entwickelt. Und vielleicht geht es im Coaching gar nicht darum, sofort Antworten zu finden. Sondern darum, diesen Raum zu öffnen.
Einen Raum, in dem du nichts erzwingen musst. In dem du wahrnehmen kannst, was in dir entsteht. In deinem Tempo.
Wenn dich solche Fragen gerade begleiten – wenn du spürst, dass da etwas in dir arbeitet, das noch keinen Namen hat – dann ist vielleicht genau jetzt der richtige Moment, hinzuschauen. Nicht, um alles zu verstehen. Sondern um in Kontakt zu kommen.




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